Samstag, 6. Januar 2018

Das Tor steht offen

Und dann kommt der Tag, an dem du spürst, dass sich ein Tor geöffnet hat. Ein Tor, vor dem du schon lange gestanden hast. Du wusstest, dass du es aus eigener Kraft nicht öffnen kannst. Dass es sich dann öffnen wird, wenn es Zeit ist und du wirklich bereit bist, das zu empfangen, was für dich bereit liegt.

So sehr hast du dir gewünscht, dass es sich öffnen würde. Jetzt ist es soweit. Das Tor steht offen. Dahinter liegt Dunkelheit. Früher hätte sie dir Angst gemacht. Doch jetzt nicht mehr. Denn du weisst, dein Licht ist stark genug, um diese Dunkelheit zu erhellen.

Du wirst Schätze von unbeschreiblichem Wert entdecken. Sie lagen lange im Verborgenen, weil die Zeit noch nicht reif war. Du hättest sie nicht so würdigen können, wie es ihnen zusteht.

Du hättest sie nicht mit der Demut betrachtet, die es braucht, um sie in ihrer ganzen Schönheit zu erfassen. Du hättest sie nicht mit der Behutsamkeit berührt, die sie benötigen, um nicht zu zerbrechen. Dein Licht hätte zu flackern begonnen, und du hättest dich und diese kostbaren Schätze in der Dunkelheit verloren.

Demütig und behutsam gehst du nun durch das Tor. Dein Licht überstrahlt die Dunkelheit. Du bist bereit, die Schätze der Liebe zu empfangen.

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von Claudia Magri
geschrieben und publiziert am 6.1.2018 auf
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Sonntag, 31. Dezember 2017

Blick hinter die Mauer

An jenem Tag, für einen kurzen Moment nur, fielen deine Mauern.
Dein Herz lag vor mir, es war voller Narben. Es zitterte leicht, wie ein junger Vogel, bevor er das sichere Nest verlässt.

Behutsam streckte ich meine Hand aus. Ich berührte die Narben auf deinem Herz. Sie fühlten sich rau an und dennoch sehr empfindlich. Jede war anders, jede zeugte auf ihre Art von Schmerz und Enttäuschung, schlaflosen Nächten und tiefer Traurigkeit.

Wir schauten einander in die Augen. Dein Blick war weich und klar. Voller Liebe. Ich blickte in den Grund deiner Seele. Ihre Schönheit liess meinen Atem stocken.

Es war ein Moment vollkommener Nähe und Vertrautheit. Alle Grenzen zwischen uns lösten sich auf. Es gab nichts zu sagen, nur zu fühlen.

Du legtest deine Hand über meine. Deine Finger strichen über meinen Handrücken. Dein Blick flackerte. Der Glanz deiner Tränen berührte mich tief.

Dann war der Moment vorbei. Die Weichheit verschwand hinter deinem Schutzwall. Dein Herz verschloss sich. Dein Körper wurde wieder angespannt.

Ich weiss nicht mehr, was wir danach redeten. Es hatte keinerlei Bedeutung. Ich war noch immer überwältigt von der Schönheit deiner Seele.

Beim Abschied umarmten wir einander lange. Es war nicht das letzte Mal.

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von Claudia Magri,
geschrieben und publiziert am 31.12.2017 auf
eigenes Bild

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Montag, 25. Dezember 2017

Du bist genug

Es ist mir alles zu viel. Ich bin erschöpft, ich kann nicht mehr. Nimm mich in deine Arme, lass mich wieder fühlen.
Wann hast du dies das letzte Mal gesagt?

Immer und überall im Wettbewerb stehen. Sich anpassen. Sich noch mehr anstrengen. Die Tage mit Dingen und Menschen verbringen, die sich seltsam fremd anfühlen.

Sich jeden Morgen von Neuem überwinden. Stark sein. Liefern und bezahlen. So tun, als hätte man alles im Griff.

Es hört nie auf. Alle wollen etwas. Nur nicht das, wonach du dich am meisten sehnst: Dich selber.

Es ist mir alles zu viel. Ich bin erschöpft, ich kann nicht mehr. Nimm mich in deine Arme, lass mich wieder fühlen.

Schwäche zeigen. Sich fallenlassen, sich hingeben.
Warum glaubst du, ein Mann darf das nicht?

Auch wenn man dich etwas anderes gelehrt hat: Wir alle  - egal ob Mann oder Frau - tragen männliche und weibliche Anteile in uns. Beide wollen und dürfen ohne Angst gelebt werden. So wie es sich für dich richtig anfühlt. Sie machen den Menschen aus, der du bist.

Du bist genug. Ich liebe dich. Ich wünsche mir nichts sonst.
Wann hat dies jemand das letzte Mal zu dir gesagt?

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von Claudia Magri,
geschrieben am 23.12.2017
eigenes Bild

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